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US-Verteidigungskonzeption und die sowjetische Antwort

McNamara umreisst US-Verteidigungskonzeption auf der Grundlage der "Keine Städte"-Theorie, Malinowski bezeichnet sowjetische Kern- und Raketenwaffen denen der USA in jeder Beziehung überlegen und warnt vor US-Angriff auf Cuba.

1. McNamara erläutert die US-Verteidigungsstrategie in Fortführung einer Äusserungen in Ann Arbor und gibt US-Raketenbestand mit Kernsprengköpfen mit mindesten 344 Stück an US-Verteidigungsminister Robert Strange McNamara legte der Kommission für die Bewaffneten Streitkräfte des Repräsentantenhauses am 30. Januar laut New York Times in Fortführung seiner Äusserungen in Ann Arbor (siehe 9927 A) die Verteidigungskonzeption der Vereinigten Staaten dar.

Falls die UdSSR einen massiven Kernwaffenangriff auf die USA unternahmen, garantiere das Überleben einer zweiten US-Kernstreitmacht sowie die Flexibilität der Rückschlagpläne die Möglichkeit, jeder Situation nach dem ersten Angriff die Stirn zu bieten. Es liege also beim Angreifer auch die Entscheidung darüber, ob Städte und Industriebezirke in den Krieg einbezogen werden sollen oder nicht. Dadurch sei die einseitige Möglichkeit eines Vergeltungsschlages gegen alle möglichen sowjetischen Ziele beseitigt. Niemand vermöge zu sagen, ob die UdSSR im Kriegsfall auch die Städte des Gegners beschiessen werde. Angesichts dessen, was auf dem Spiele steht, lohne es aber, die Alternative dazu bedeutungsvoll zu machen. Ein amerikanischer Gegenvorschlag könne also 3 Ziele verfolgen: (1) gleichzeitig alle möglichen sowjetischen Ziele zu erreichen suchen (2) zunächst nur Raketen- und Bomberbasen sowie andere militärische Ziele aufs Korn nehmen; (3) wenn notwendig, sodann auch städtische Siedlungen, Industriebezirke usw. in entschlossener und kontrollierter Weiseangreifen. Trotz der schweren Verluste, mit denen die USA im Falle eines Sowjetangriffes rechnen müssten, seien die Basen der Interkontinentalen Raketen, die Polaris-U-Boot-Stationen und die Bomber der Strategischen Luftflotte ausreichend, um die gesamte Sowjetunion zu vernichten, ohne dass die taktischen US-Geschwader, die Geschwader an Bord von Flugzeugträgern oder die in Europa stationierten Mittelstreckenraketen eingesetzt zu werden brauchten. Die UdSSR sei aber auf dem Wege, eine solche militärische Macht aufzubauen, dass sie selbst nach einem solchen Gegenschlag noch stark genug wäre, um einen verheerenden Krieg auch in die USA selbst vorzutragen. Jedoch bestehe kein Zweifel daran, dass die beim Gegenschlag nicht eingesetzten US-Streitkräfte mit diesem letzten Aufgebot des Gegners fertig werden könnten.

Zur NATO-Frage erklärte er, die USA hatten keinerlei Ambitionen, die NATO zu beherrschen. Sie wünschten sogar, dass ihnen ein Teil ihrer diesbezüglichen Lasten abgenommen wurden, wovon die NATO-Verbündeten sobald wie möglich überzeugt werden müssten, damit sie entsprechend handelten. Solange die USA aber einen so grossen Lastenanteil zu tragen hätten, müsse man ihnen auch das Recht einräumen, einen entsprechenden Anteil an den Entscheidungsbefugnissen zu behalten. Man solle deshalb die Entscheidung der USA, die Konstruktion der Skybolt Rakete einzustellen, wodurch die Staaten etwa 2 Mrd. ersparten, nicht falsch auslegen. Ebensowenig soll man versuchen, mit nicht zur Sache gehörenden Argumenten den Beschluss zu kritisieren, die Konstruktion des Bombers B 70 aufzugeben, von dem lediglich drei Maschinen fertiggestellt werden sollen, die bereits im Bau sind. Zur Zeit verfugten die USA über 650 Bomber, die binnen 15 Minuten nach einem Alarm in der Luft seien, über mehr als 200 Interkontinentalraketen und über 144 Polaris-Raketen. Bis 1968 gedenke man, eine aus Bombern und Raketen gemischte Verteidigungsstreitmacht aufrechtzuerhalten. Die zur Zeit bestehenden bzw. geplanten Streitkräfte der USA und der NATO-Alliierten zusammen seien nicht ausreichend, um einen Gesamtangriff der UdSSR erfolgreich aufzufangen. Die wichtigsten weiteren Probleme in verteidigungskonzeptioneller Hinsicht seien zur Zeit: die Möglichkeit, dass sich durch eine offene Aggression Nordvietnams in Südvietnam die Notwendigkeit zu einem offenen Gegenschlag der USA ergäbe; die Möglichkeit, dass die UdSSR Bomben- oder Raketen-tragende Erdsatelliten entwickele obwohl dazu kein Grund bestehe, da es billigere und wirksamere Methoden gebe, die gewünschten Ziele zu erreichen, was aber dennoch verursache, dass die USA ein Abwehrsystem auch für diese Möglichkeit entwickeln müssten; die Tatsache, dass trotz des sowjetischen Rückzugs in der Kuba-Frage nicht mit einem solchen Rückzug in der Berlin-Frage zu rechnen sei, wo allerdings durch die Kuba-Krise vielleicht ein frühes erneutes Aufflammen der Krise vermieden worden sei schliesslich die wachsende Aggressivität Rotchinas, die für den Weltfrieden bedrohlicher zu sein scheine als die Haltung der UdSSR.

2. Mallnowski erklärt, die UdSSR könne jeden Atomschlag der USA mit einem Mehrfachen vergelten und sich gegen Polaris-U-Boote genau so gut verteidigen wie gegen Festland-Raketenstützpunkte, berichtet über die Struktur der sowjetischen Streitkräfte, und warnt vor US-Angriff auf Kuba

Der sowjetische Verteidigungsminister Marschall Rodion Jakowlewitsch Malinowskij führte laut TASS am 22. Februar aus Anlass einer Feier zum 45. Gründungstag der Roten Armee und der Roten Flotte im Kongresspalast des Kreml u.a.. aus:

Auf Initiative und unter Leitung des Zentralkomitees der KPdSU und Nikita Chruschtschows persönlich wurden mit ungewöhnlicher Kühnheit und grossem Schwung wahrlich revolutionäre Umgestaltungen in der Bewaffnung, Organisation der Truppen und im Militärwesen überhaupt vorgenommen. Die sowjetischen strategischen Raketentruppen können dem Aggressor jederzeit einen Raketen- und Atomschlag von furchtbarer Stärke zufügen. Allein eine Interkontinentalrakete mit Thermonuklearladung von 100 Megatonnen Sprengkraft ist im Stande, sämtliche Militär- und Industrieanlagen auf einer Fläche von mehreren tausend km² zu zerstören, und die Zone gefährlicher Strahlungsdosen infolge der Explosion dieser Superladung kann sich auf einen Raum von hunderttausenden km² erstrecken. Diese Raketen und Ladungen leisten einen guten Dienst für den sicheren Schutz unseres Heimatlandes und der anderen Länder des Sozialismus vor einem Überfall der Imperialisten und halten sie in ihrem Bestreben, einen neuen Weltkrieg zu entfesseln, zurück. Die strategischen Raketentruppen werden immer mehr mit Globalraketen ausgestattet, die imstande sind, die Raketenabwehr erfolgreich zu durchbrechen. Und so stark diese Abwehr auch sein mag, derartige Raketen werden unabwendbar die gestellten Ziele erreichen und ihre todbringende Last zu diesen Zielen tragen. Die Grundlage der Kampfkraft der sowjetischen Landtruppen bilden Raketen operativ-taktischer Bestimmung, die mit ihren Kernladungen beliebige Objekte des Gegners auf Entfernungen von vielen hunderten km bekämpfen können. Nach der Zahl und besonders nach der Qualität der Panzer und der selbstfahrenden Artillerie sind die sowjetischen motorisierten Schützen- und Panzerdivisionen entsprechenden Divisionen der meistentwickelten kapitalistischen Armeen bedeutend überlegen. Eine bedeutende qualitative Entwicklung haben in den letzten Jahren die Luftlandetruppen erfahren; die Bewaffnung und der organisatorische Aufbau der Luftabwehrtruppen des Landes haben sich von Grund auf gewandelt. Sie sind heute zugleich auch Raketenabwehrtruppen. Dieser Waffengattung kommt eine ausserordentlich wichtige Rolle zu bei der Bekämpfung moderner Mittel eines Atomüberfalls des Aggressors und seiner Versuche, aus der Luft und aus dem Kosmos in unser Land hineinzuschnüffeln. Die Truppen der Luftabwehr und der Raketenabwehr verfügen heute über alles Nötige, um stets einen sicheren antinuklearen Schild des sozialistischen Heimatlandes zu bilden. Bei den Luftstreitkräften wurde das Bombenflugzeug durch das Raketenträgerflugzeug abgelöst, das fähig ist, mit hoher Zielsicherheit aus grosser Entfernung Raketen- und Kernschläge gegen den Feind zu führen, ohne in die Reichweite seiner Luftabwehrmittel zu kommen. Die Kriegsmarine besteht nun hauptsächlich aus Unterseebooten, vorwiegend aus U-Booten mit Atomanstrich, die Raketen und Torpedos mit nuklearen Sprengladungen an Bord haben. Eine besonders wichtige Waffengattung bilden maritime Raketenträgerflugzeuge und U-Boot-Bekämpfungsflugzeuge." Zu den Plänen der USA, die Boden-Raketenstützpunkte, die sie rund um die sozialistischen Länder anlegen liessen, durch Atom-U-Boote mit Polaris-Raketen an Bord zu ersetzen (siehe 10416 A, vgl. 10436 A) sagte er sodann: "Ich muss mit voller Verantwortung erklären, dass dies den Leitern des Pentagons die militärischen Vorteile, die sie erhoffen, nicht geben wird. Im Zusammenwirken mit den Raketentruppen und der Luftwaffe ist unsere Flotte im Stande, sowohl mit Boden- als auch mit Unterwasser-Raketenstützpunkten gleich gut fertig zu werden. Unsere Streitkräfte, besonders die Raketentruppen strategischer Bestimmung und die Truppen des Luftschutzes und der Raketenabwehr, können nötigenfalls schnell in einen Grad der Kampfbereitschaft versetzt werden, der ihnen ermöglichen wird, jedem Aggressor sofort die Zwangsjacke anzulegen, sollte er einen Überfall auf uns wagen." Die Überwindung der Kuba-Krise (siehe 10351 B und 10263 A) bezeichnete Malinowskij als grossen Sieg der Kräfte des Friedens." Die Gefahr eines Thermonuklearkriegs wurde abgewandt, aber das darf uns nicht in Selbstberuhigung versetzen und unsere Wachsamkeit nicht abstumpfen. Der amerikanische Imperialismus setzt seine treubruchige Politik fort. Er möchte seinen Willen der ganzen Welt diktieren. Er tritt das Völkerrecht und die UNO-Charta mit Füssen und mischt sich unverschämt in die inneren Angelegenheiten anderer Länder ein. Das kommt besonders deutlich in seiner Einstellung zur Republik Kuba, einem unabhängigen souveränen Staat, einem Mitglied der UNO, zum Ausdruck. Man darf nicht naiv glauben, dass die Imperialisten die Waffen gestreckt hätten. Die Entwicklung zeigt, dass offenbar noch nicht alle gelernt haben, das Kräfteverhältnis in der internationalen Arena nüchtern einzuschätzen. Die amerikanische Regierung leistet faktisch einer zügellosen Kampagne der aggressiven Kräfte in den USA Vorschub, die ein hysterisches Geschrei rund um Kuba angestimmt haben und von der US-Regierung eine noch grössere Einmischung in die Angelegenheiten der kubanischen Republik bis zur Entfesselung eines Aggressionskriegs fordern. Wir mochten die aggressiven Kräfte der USA warnen, dass ein Überfall auf die Republik Kuba der Beginn eines dritten Weltkriegs wäre. Wenn ein solcher Überfall verübt wird, werden die friedliebenden Kräfte der ganzen Welt sich nicht auf Proteste und Demonstrationen beschränken. Sie werden sich zum Schutz des Landes erheben, das einer Aggression ausgesetzt worden ist, und die Sowjetunion wird unter den ersten sein, die der Republik Kuba zu Hilfe eilen. Die friedliebenden Kräfte werden der Republik Kuba zu Hilfe eilen, weil sie einen Krieg gegen die Republik als einen Krieg gegen alle ansehen, die für den Frieden und die souveränen Rechte der Völker einstehen. Falls die aggressiven Kreise des Imperialismus die Prinzipien der UNO nicht einhalten und einen Krieg entfesseln, wird dieser Krieg nicht nur auf dem Territorium Kubas, sondern auch auf dem Territorium der USA geführt werden. Die Politik der USA gegenüber Kuba ist ein Teil ihrer allgemeinen Aggressionspolitik. Wir vergessen nicht die Erklärungen des US-Präsidenten Kennedy, dass die USA unter gewissen Umständen möglicherweise die Initiative zu einem Atomkonflikt mit der Sowjetunion ergreifen würden (siehe 9778 C). Ein Präventivkrieg gegen die Sowjetunion gehörte stets in den Bereich der Möglichkeiten, die das Pentagon einkalkulierte." Zu der (vorstehend unter 1 wiedergegebenen) Stellungnahme McNamaras äusserte Malinowskij, er sollte zunächst einmal die realen Tatsachen abwägen und sich überlegen, wohin dieser Weg die imperialistischen Aggressoren letzten Endes führen wird." Ich behaupte entschieden, dass wir auf die 344 Raketen, mit denen uns Mister McNamara droht, mit einem gleichzeitigen Schlag einer um ein Mehrfaches grösseren Anzahl von Raketen und einer solchen Sprengkraft von Kernladungen antworten werden, die alle Objekte, Industrie- und politischen Verwaltungszentren der USA wirklich dem Erdboden gleichmachen und jene Länder restlos vernichten werden, die ihr Territorium für amerikanische Militärstützpunkte zur Verfügung gestellt haben. Die USA und ihre Partner in den Militärblocks wollen sich nicht zum Verbot der Kernwaffenexperimente und zur Abrüstung verstehen. Als Antwort auf den Kompromissvorschlag der Sowjetunion zum Inspektionssystem hat die Regierung der USA angeordnet, die unterirdischen Kernwaffentests wieder aufzunehmen (siehe 10389 D). Mit voller Unterstützung der Westmächte rüstet die Bundesrepublik Deutschland, dieses Dorado des Militarismus und Revanchismus, wieder auf. Auf all das können wir nur sagen: Es wird Euch, Ihr Herren, nicht gelingen, uns zu überrumpeln. Die Opfer der Völker der Sowjetunion im Kampf gegen die imperialistischen Aggressoren waren allzu gross. Wir werden wachsam sein."

Aus: Archiv der Gegenwart, Siegler & Co Verlag Königswinter 1998, 22.02.63/10433

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